Von Ellen Gutzler (Ethnologin), Gudrun Honke (Literaturwissenschaftlerin und Soziologin) und Sylvia Servaes (Ethnologin und Soziologin); aus: pogrom, Zeitschrift für bedrohte Völker/177-1994
INHALT |
Die Einordnung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen Ruandas (Hutu, Tutsi, Twa - letztere fallen mit einem Anteil von etwa 10% politisch nicht ins Gewicht) als "ethnische Gruppen" ist problematisch. Alle sprechen die gleiche Sprache, das Kinyarwanda, haben den gleichen kulturellen Hintergrund und bewohnen das gleiche Gebiet. Für die These, nach der Tutsi-Viehzüchter aus dem Nordosten Afrikas in ein von Hutu-Ackerbauern bewohntes Land eingewandert seien, gibt es keinerlei Belege. Sie scheint vielmehr Produkt kolonialer Geschichtsschreibung zu sein, die sich auf im 19. Jh. gängige Vorstellungen über die Geschichte Afrikas gründet.
Die Politik der Kolonialmächte
Erst die Kolonialherren führten die ethnische Bedeutung der
genannten Begriffe ein. In dem Bestreben, ihre Kolonie mit
möglichst wenig finanziellem und personellem Aufwand zu
verwalten, stützten sich sowohl die deutsche Kolonial- wie
auch die belgische Mandatsmacht (de facto 1897-1916 bzw.
1916-1962) auf ein indirektes Verwaltungssystem, das die
vorhandenen politischen und sozialen Strukturen auszunutzen
suchte. Dabei wurden Vereinfachungen vorgenommen, deren
folgenreichste die Ethnisierung der bis dahin sozial definierten
Gruppen war.
"Die" Tutsi wurden seitdem systematisch als herrschende Schicht im kolonialen System gefördert, um sicherzustellen, dass sie sich ohne Schwierigkeiten in die Erfordernisse kolonialer Verwaltung einfügen ließen. Der Beschluss der deutschen Verwaltung, ab 1913 an ihrer Regierungsschule in Kigali nur noch Tutsi-Kinder zu unterrichten, war ein erster Schritt, die vermeintlich ethnische Einteilung als Basis gesellschaftlicher und politischer Organisation festzuschreiben. Diese und ähnliche Maßnahmen hoben die oben beschriebene Durchlässigkeit vorhandener gesellschaftlicher Strukturen auf. - Allein die Abstammung entschied jetzt darüber, ob jemand ein "Tutsi", "Hutu" oder "Twa" war.
Diese Politik änderte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich in Kirche und Kolonialverwaltung die Überzeugung durchsetzte, dass die übrige Bevölkerung, also auch die Hutu und die Twa, an Bildungsmöglichkeiten und politischen Prozessen beteiligt werden müsse. Um den Vorsprung der bis dahin einseitig geförderten Tutsi auszugleichen, wurde ein Quotensystem für die Verteilung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen eingeführt sowie eine Eintragung der ethnischen Zugehörigkeit in den Personalausweis.
Was brachte die Unabhängigkeit?
Diese beiden Maßnahmen wurden auch nach der
Unabhängigkeit beibehalten und trugen dazu bei, "ethnische"
Unterschiede zu zementieren, obwohl sie nach offizieller
politischer Rhetorik keine Rolle mehr spielen sollten. Sie
ermöglichten es den unterschiedlichen Interessengruppen,
soziale und politische Auseinandersetzungen immer wieder auf der
Ebene ethnischer Konflikte auszutragen. So wurde die "Ruandische
Revolution" von 1959, bei der es um die Abschaffung der
ruandischen Monarchie ging, auch als Auseinandersetzung zwischen
"ethnischen" Gruppen geführt.
Beide nachkolonialen Regime konnten mit dem Hinweis, "die" Hutu und damit etwa 85 % der Bevölkerung zu vertreten, eine demokratische Grundeinstellung für sich beanspruchen, ohne sich auf eine wirklich politische Diskussion einlassen zu müssen. Ebenso sind die Auseinandersetzungen der letzten drei Jahre um Demokratisierung und Repatriierung ruandischer Flüchtlinge sehr schnell in ethnische Begründungszusammenhänge geraten, die ihren Gipfel in den Massakern der letzten Wochen gefunden haben.
Wie der Hass geschürt wird
Seit Beginn des Krieges Ende 1990 gab es immer wieder Massaker an
bestimmten Gruppen der Bevölkerung, die "ethnische"
Auseinandersetzungen suggerieren sollten. Keines jedoch war
Ausdruck "tiefsitzenden, uralten" Hasses zwischen den
Bevölkerungsgruppen; vielmehr finden sich immer wieder
Hinweise, dass zum Teil unter Beteiligung hoher und höchster
Regierungsstellen die Vorgänge "von außen" und "oben"
initiiert und organisiert wurden. "
Hinzu kommen systematische Verhaftungen von und eine gezielte
Medienpropaganda gegen (Tutsi-) Bürger als angebliche
Sympathisanten der "Tutsi"-Rebellen. Ihnen wurde so die Mitschuld
an dem Krieg und seinen Folgen sowie den allgemeinen
wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten zugeschrieben,
die z. T. jedoch bereits in die Vorkriegszeit
zurückreichen.
Von Jörg Zimmermann, arbeitete im Auftrag der Vereinigten Evangelischen Mission Wuppertal von 1991 bis 1994 als Pastor in der Presbyteranischen Kirche Ruandas; aus: pogrom, Zeitschrift für bedrohte Völker/177-1994
Die Demokratie brachte aber nicht nur die Pressefreiheit, sondern auch die Gründung von fast zwanzig Parteien mit sich, von denen vor allem die Coalition pour la Défense de la République (Koalition zur Verteidigung der Republik - CDR) Aufsehen erregte. Sie stilisierte die ethnische Frage ganz offen zum zentralen Problem Ruandas hoch. Das geschah auch in der Partei des Präsidenten Juvenal Habyarimana, dem Mouvement Républicain National pour la Démocratie et le Développement (Republikanisch-Nationale Bewegung für Demokratie und Entwicklung - MRND), nicht so offensichtlich.
Ausbau der Propaganda
Seit 1993 vervollkommnte das "Radio et Télévision
Libre des Mille Collins" (Freies Radio und Fernsehen der Tausend
Hügel - RTLM) die Propaganda. Bis dahin hatte es nur das
staatliche "Radio Rwanda" und den geheim betriebenen Sender
"Radio Muhabura" der Rebellen der Front Patriotiques Rwandais
(Patriotische Front Ruandas - FPR) gegeben. RTLM wurde
schlagartig zum dominierenden Sender in Kigali.
Alles drehte sich um die "Frage der Ethnien". Den Hutu wurde permanent suggeriert, die Tutsi wollten sie wieder versklaven und die Errungenschaften der Revolution von 1959 rückgängig machen. So wurde systematisch Angst geschürt. In einem politischen Klima, das durch Krieg, Verteilungskämpfe, Bodenknappheit, Missernten und die daraus resultierende Armut ohnehin zum Zerreißen gespannt war, gelang dies ohne Mühe. Selbst wenn RTLM lange nur in Kigali empfangen werden konnte: "Radio Trottoir", die Mund-zu-Mund-Propaganda, trug die Parolen in Windeseile weiter durchs ganze Land. So wurde die inzwischen aufgebrochene physische Gewalt verbal nicht nur vorbereitet sondern vorweggenommen. Wo selbst diese massiven Manipulationsversuche keine Wirkung zeigten, etwa in weiten Teilen Südruandas, da mordeten Soldaten und Milizen schließlich nicht "nur" Tutsi, sondern auch oppositionelle Hutu en masse.
Die Rebellen der FPR
Die Exilruander, in der Mehrzahl Tutsi, haben nach etlichen
erfolglosen diplomatischen Versuchen, ihre Rückkehr in die
Heimat zu erwirken, Ruanda 1990 von Uganda aus attackiert.
Immerhin gab es daraufhin Friedensverhandlungen und
schließlich auch einen Friedensvertrag. Doch dessen
Umsetzung scheiterte an einem entscheidenden Punkt: Es kam keine
Übergangsregierung unter Beteiligung der FPR-Rebellen
zustande.
Warum das alles?
Nach allem bisher Gesagten ist es offenkundig, dass hier ein
marodes Regime nicht bereit war, Macht abzugeben, dass es viel
bewusst einen ethnischen" Konflikt schürte, um von der
eigenen Krise abzulenken, ja sich selbst als Reiter in der Not
aufzuspielen. Doch neben Habyarimana und seinen Verbündeten
ist auch die FPR für die Eskalation in Ruanda
mitverantwortlich. Sie muß sich fragen lassen, ob das
Anliegen der Flüchtlinge, so berechtigt es ist, einen Krieg
legitimieren kann.
Ein völkerrechtlicher Skandal ist die Tatsache, dass Uganda den FPR-Rebellen jahrelang ungestraft als Ausgangslager und sicheres Refugium dienen konnte. Die Weltöffentlichkeit schien sich mit dem erst wenige Jahre innenpolitisch befriedeten Uganda nicht zugunsten des viel kleineren und unbedeutenderen Ruanda anlegen zu wollen.
Die Rolle Burundis
Vor allem aber sind die Ereignisse in Burundi für die
Entwicklung in Ruanda entscheidend. Als dort im Juni 199 3 mit
Melchior Ndadaye erstmals ein Hutu als Präsident aus
demokratischen Wahlen hervorging, atmete Ruanda auf. Nur von
daher ist das Zustandekommen des Friedensvertrages vom 4. August
1993 zwischen Habyarimana und der FPR richtig zu verstehen. Als
dann jedoch Ndadaye am 21. Oktober 1993 vom burundischen
Tutsi-Militär ermordet wurde und mit ihm die Demokratie in
Burundi, mußte das die extremistischen Hutu in Ruanda
regelrecht beflügeln. Sie malten das Szenario an die Wand,
die Tutsi wollten nun von Norden und Süden zugleich die Hutu
aufreiben und ein Großreich Uganda-Ruanda-Burundi
errichten. Wie weit das stimmt, sei dahingestellt – der
politische Schaden ist jedenfalls nicht zu überschatzen.
Fazit
Destruktive, antidemokratische Kräfte von
innen und außen haben sich zu einem menschenverachtenden
Gewaltpotential addiert, das nun zur Explosion gebracht wurde.
Eine abgewirtschaftete, korrupte Führungsclique konnte,
unterstützt von bestimmten Entwicklungen in der Region und
in vollkommen unverantwortlicher Weise von Frankreich und anderen
aufgerüstet, ihr Volk propagandistisch manipulieren und in
den Abgrund ziehen. Im Konflikt der Extreme zerbrach die
innerruandische Opposition, auf die viele ihre Hoffnungen auf ein
lobenswerteres Ruanda gesetzt hatten.
Wie soll dieses traumatisierte Land je wieder auf die Beine kommen? In jedem Fall müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Das "ethnische Problem" muß als das erkannt werden, was es ist, nämlich ein von Politikern bewußt eingesetztes Instrument, das Menschen gegeneinander aufhetzen soll, die sich weder durch Sprache, Kultur noch Lebensraum voneinander unterscheiden. Und die Zukunft Ruandas muß gemeinsam mit der Burundis in Angriff genommen werden. Diese beiden Dinge sind sicherlich nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts.
Von Christian P. Scherrer, Ethnic Conflicts Research Project ECOR, Telegen/Niederlande; aus: pogrom, Zeitschrift für bedrohte Völker/190, 1996)
Internationale Untersuchungskommissionen haben in Ruanda schreckliche Gewißheit erlangt: Der Genozid an den Tutsi, der 1994 bis zu einer Million Menschen das Leben kostete, war von einer Machtclique im Staatsapparat perfekt vorbereitet und durchgeführt worden. Sein Ziel war die totale Vernichtung des Tutsi-Volkes. Bis heute ist das Versagen der internationalen Gemeinschaft nicht verarbeitet: die Untätigkeit der UNO, das Schweigen der Kirchen und die Blindheit der über 200 Organisationen, die sich in die Flüchtlingshilfe gestürzt haben. Auch deshalb kommt in Ruanda selbst die Bewältigung des Genozids nicht in Gang. Von Zaire aus drohen extremistische Hutu das Land mit neuer Gewalt zu überziehen.
Seit der Kolonialzeit ist die zentralafrikanische Region Ruanda-Burundi eine Zone explosiver Konflikte. Schon beim Völkermord der Tutsi-Armee Micomberos im Mai 1972 kamen mindestens 200.000 burundische Hutu um. Der Holocaust von 1994 kostete einer Million Menschen das Leben und produzierte den größten Flüchtlingsstrom der modernen Geschichte. Insgesamt ist die Hälfte der ruandischen Bevölkerung gestorben oder geflohen. Zwischen dem 6. April und dem 15. Juli 1994 wurde die Mehrheit der 1-1,2 Millionen ruandischen Tutsi, viele Mischlinge und oppositionelle Hutu gejagt, gefoltert, vergewaltigt und ermordet. Diese Apokalypse kam nicht unerwartet, wenn auch ihr Ausmaß und die Grausamkeit des Tötens überraschten. Der Genozid war vielmehr angekündigt und von langer Hand vorbereitet worden.
Korruption und Rassismus
Bis in die 90er Jahre hinein war Ruanda ein Schwerpunktland
westlicher Entwicklungshilfe. Vom Geldfluss profitierte vor allem
die Akazu, eine kleine Hutu-Elite, die sich um Präsident
Juvenal Habyarimana geschart hatte. Keine noch so offenkundige
Mißwirtschaft, Korruption und Unterdrückung in dieser
Scheindemokratie vermochte die Entwicklungsinstitutionen
abzuschrecken. Auch die rassistische Hetze gegen Tutsi, die
Hutu-Extremisten seit 1993 über den Privatsender "Radio et
Télevision Libre des Mille Collines" verbreiteten,
alarmierte sie nicht.
Die Mechanik des Genozids
Der Holocaust
an den Tutsi war weder ein Stammeskrieg noch ein spontanes
Pogrom. Es war vielmehr ein Verbrechen, das innerhalb des
Staatsapparates systematisch organisiert worden war, und für
das eine Mehrheit der Hutu-Bevölkerung instrumentalisiert
wurde. Sein Ziel war die vollständige Auslöschung des
Tutsi-Volkes. Der Plan dazu reicht bis in das Jahr 1990
zurück, als die "Front Patriotique Rwandais" (FPR), eine von
Tutsiflüchtlingen in Uganda gegründete
Rebellenorganisation, mit Angriffen auf Ruanda begonnen
hatte.
Die Ausrottung der Tutsi war die ultimative Strategie zur Machterhaltung der Akazu. Zu den Urhebern gehörten die Mitglieder des "Réseau Zéro" ("Netzwerk Null"), das Todesschwadrone und Milizen koordinierte, sowie jene Ideologen, die über die Medien permanent den Haß auf die Tutsi geschürt hatten. Seit Jahrzehnten war in Ruanda ein totalitärer Verwaltungsapparat perfektioniert worden, der in Afrika wohl einmalig war. Schon bei den ersten Massakern trugen Angehörige der Präsidentengarde computergedruckte Namenslisten in Händen.
Weil Präfekten, Unterpräfekten und auch Gemeindepräsidenten von Habyarimana persönlich ernannt wurden, waren sie in der Regel Mitglieder der MRND. In ihrer großen Mehrheit erwiesen sich die Staatsdiener als willfährige Instrumente, als es darum ging, in den Kleinstädten, Dörfern und in den Hügeln, Massaker um Massaker zu organisieren. Gemeindepräsidenten rüsteten Killertrupps mit Gewehren oder Macheten aus, Sektorenchefs riefen Hutu-Bauern zu Agitationsveranstaltungen, kleinere Beamte verteilten Bananenbier an professionelle Totschläger. Manche hohe Beamte haben auch persönlich Tutsi-Zivilisten erschossen. Staatliche Mechanik und rassistische Propaganda zeigten eine durchschlagende Wirkung.
Die Rolle der Kirche
Auch Ruandas Kirchen boten den verfolgten Gläubigen keinen
Schutz. Die Zeugen Jehovas und die Muslime waren als einzige
religiöse Gruppen, nicht am Völkermord beteiligt.
Ruanda war eines der katholischsten Länder Afrikas,
katholische Bischöfe und Erzbischöfe waren mit der
Akazu-Elite eng liiert. Viele Priester wurden getötet, doch
viele haben sich am Völkermord beteiligt.
Und die Welt hat zugeschaut
Zu Beginn der Massaker waren in Kigali 2 500 Blauhelme der
UNO-Mission UNAMIR stationiert. Am 21. April, auf dem
Höhepunkt der Massaker, reduzierte der Sicherheitsrat das
Kontingent auf 270 Mann. Erst als klar wurde, dass die
bewaffneten Aktionen der ruandischen Armee, der
Präsidentengarde und der Milizen auf eine endgültige
Vernichtung der Tutsi abzielten, reagierte die UNO. Im Juni 1994
beschloss der Sicherheitsrat, die Blauhelme wieder nach Ruanda zu
schicken und das Kontingent auf 5.500 Mann zu verdoppeln.
Auf Betreiben Frankreichs und der USA wurde der Einsatz von UNAMIR 2 jedoch um Wochen verschleppt. Inzwischen kontrollierte die Armee der Front Patriotique Rwandais (FPR) bereits die nordöstliche Hälfte des Landes und stand vor der Hauptstadt Kigali. Die Militärintervention Frankreichs, die "Opération Turquoise" vom 23. Juni 1994, diente nicht etwa der Beendigung des Genozids, sondern der Rettung seines Klientelregimes und dem Versuch, eine Machtübernahme der FPR zu verhindern. In der südwestlichen, französisch besetzten Landeshälfte ging das Morden an den Tutsi unter den Augen der 2.500 Fremdenlegionäre ungehindert weiter.
Medien machen aus Tätern Opfer
Die scheinbar panische Flucht hunderttausender Hutu war eine
durchorganisierte und geplante Bewegung, die unter der Kontrolle
derselben kriminellen Politiker stand, die schon den
Völkermord in Ruanda durchgeführt hatten. Die
Gemeindepräsidenten hatten Anweisung erhalten, die
Hutu-Bevölkerung zu evakuieren. Die Hilfe wurde gezielt
mißbraucht. Die internationalen Organisationen waren nicht
in der Lage, zwischen Krieg und Genozid, d.h. zwischen
Tätern und Opfern zu unterscheiden. So konnten Mörder
in den Lagern die Kontrolle übernehmen, Jobs bei den 250
NRO's bekommen, genießen, was zur Versorgung der
Flüchtlinge herangeschafft wurde und die Camps als
Hinterland für neue Terrorüberfälle in Ruanda
nutzen. Etwa eine halbe Milliarde Dollar wurden 1994 allein von
dem halben Dutzend UNO-Organisationen ausgegeben, während
die neue Regierung in Kigali nicht einen Bruchteil davon für
den Wiederaufbau vitaler Dienstleistungen im Land erhielt.
Ethnic Conflicts Research Project ECOR
Die wochenlange Lähmung der Vereinten Nationen angesichts des Genozids an den ruandischen Tutsi wurde selbst von ihrem Generalsekretär Boutros Boutros Ghali als "Skandal" bezeichnet. Am folgenden 8. November beschloß der Weltsicherheitsrat (Resolution 955) die Einrichtung eines Internationalen Tribunals zu Ruanda, nach dem Muster desjenigen für Ex-Jugoslawien. Während Ruandas Gefängnisse heute mit etwa 60.000 Tatverdächtigen heillos überfüllt sind, hat das Internationale Tribunal, das im tansanischen Arusha tagt, nur gegen elf Ruander Anklage erhoben.
Orientierungslose UNO
Allerdings kämpft das Internationale Tribunal mit enormen
Schwierigkeiten. Vor allem aber ist das Internationale Tribunal
finanziell miserabel ausgestattet. In Ruanda verfügt es nur
über 30 Ermittler, Hundert hat es selbst gefordert. So
handelt die internationale Gemeinschaft angesichts eines der
größten Genozidverbrechen dieses Jahrhunderts
orientierungslos und ohne politischen Willen.
Unter diesen Umständen muss sich Ruanda bei der Bewältigung des Völkermords und seiner Folgen weitgehend selbst helfen. Genozide haben unabsehbare Auswirkungen. Sie bestimmen nicht nur das Schicksal der unmittelbar Betroffenen, der Opfer und der Überlebenden, sondern auch das der Nachkommen. In einer erneuten Bedrohungssituation kehren traumatische Erinnerungen wieder und werden zu einer Quelle von Hass, Rache und Gewalt.
Täter müsse vor Gericht
Soll dieser Teufelskreis durchbrochen werden, dürfen die
für den Völkermord Verantwortlichen, seine
hauptsächlichen Urheber, Organisatoren, Agitatoren und
Ausführenden, nicht straffrei ausgehen. Doch auch bei
"kleinen" Tätern in bäuerlichen Gemeinschaften
müssen Schuldbewusstsein und Reue entwickelt werden.
Jedenfalls aber sollen die Opfer Gelegenheit erhalten, in
öffentlichen Verfahren über die an ihnen begangenen
Verbrechen ohne Furcht zu sprechen. Nur wenn ein gewisses
Maß an Gerechtigkeit hergestellt wird, kann in Ruanda eine
Entspannung und vielleicht eine Versöhnung einkehren.
Um in Ruanda eine demokratische Übergangsjustiz aufzubauen, müssen die Regierung und die Verwaltung in Zusammenarbeit mit zivilen Akteuren und internationalen Institutionen alternative Vorgehensweisen entwickeln. Tribunale im Stil der Nürnberger Prozesse müssen nicht nur in Arusha, sondern auf den "Tausend Hügeln" Ruandas stattfinden. Gefordert ist der Aufbau einer neuen Gerichtsbarkeit von unten und von oben.
Gerichtsbarkeit von unten
Damit das neue Justizsystem seine reinigende Wirkung entfalten
kann, genügt es nicht, in einigen formal-juristischen
Prozeduren und in einem exklusiven Kreis Recht zu sprechen.
Vielmehr muss das Gros der Bevölkerung wahrnehmen, ja,
erleben können, dass es einen gesellschaftlichen Neubeginn
gibt. Einen Anknüpfungspunkt dafür bietet die
traditionelle Institution des Gachacha. Bis in die nachkoloniale
Zeit hinein hatte das Gachacha in den lokalen Gemeinschaften
Ruandas seinen festen Platz als Mittel friedlicher
Konfliktlösung.
Um das Gachacha landesweit zu reaktivieren, muss die Institution freilich modifiziert werden. Es bedarf nationaler Gesetze, um in den Prozessen minimale juristische Standards zu sichern, so etwa die Verteidigungsmöglichkeit der Angeklagten, Strafsenkung bei Eingeständnis der Schuld, die Möglichkeit der Appellation usw. Solche Rechtmäßigkeit ist auch deshalb notwendig, um den "grass-root courts" internationale Anerkennung und Unterstützung zu verschaffen.
Von den 1,5 Milliarden Dollar, die der ruandischen Regierung von der internationalen Gemeinschaft für den Wiederaufbau des Landes versprochen wurden, ist bisher nur ein bescheidener Teil effektiv geleistet worden.
Projekt für eine Genozid-Justiz
Der Aufbau einer Übergangsjustiz in Ruanda, die den
Völkermord von 1994 verarbeiten und das Konfliktpotential in
der ruandischen Gesellschaft entschärfen so14 ist Gegenstand
eines Projekts des Ethnic Conflicts Research Project (ECOR) in
Tegelen, Niederlande:
Kooperation und lokale Einbindung: Die Projektträger suchen eine breite Zusammenarbeit mit verschiedenen ruandischen Ministerien, Medien, ausgesuchten Kirchenvertretern, Menschenrechtsorganisationen, Verbänden von Genozidüberlebenden, Wissenschaftlern, Anwälten und Künstlern. Ein Teil dieser Kontakte konnte bereits hergestellt werden.
Zeitplan: Die Durchführung des Projektes ist in zwei Phasen aufgeteilt. Phase 1 dient der Erkundung bzw. dem Aufbau eines Pilotprojektes für eine ländliche Übergangsjustiz, der Lobbyarbeit vor Ort und der Organisation eines internationalen Kongresses in der ruandischen Hauptstadt Kigali. In Phase 2 soll die Einrichtung einer nationalen Wahrheitskommission begleitet werden. Danach soll das Konzept der Wahrheitskommissionen und öffentlichen Anhörungen landesweit auf der Ebene der Präfekturen und 147 Kommunen umgesetzt werden, und zwar unter Einbezug wiederbelebter traditioneller Gachacha-Institutionen.
Weitere Informationen: Ethnic Conflicts Research Project ECOR, Brachterhof 38, NL-5932 XM Tegelen, Niederlande, Tel./Fax: ++31 17713740 290.